Antworten auf kritische Fragen an den Glauben

Eine kurze Antwort in einer anregenden Diskussion über den Glauben. Tut mir leid für die Stellen, wo es nicht sauber argumentiert ist – aber ich hab einfach ein bisschen Stress im Moment. Stehe für Rückfragen gern zur Verfügung.

Wie gehen wir um mit den „brutalen“ Stellen in der Bibel?

Du hast erkannt, dass es durchaus „brutale“ Stellen in der Bibel gibt. Ob du diese selbst gelesen hast, oder dir einfach nur „andere“ das sagen, sei mal dahin gestellt. Aber erlaube mir trotzdem, sie sachgemäß zu betrachten. Denn letztendlich sind die Texte, die du zitiert hast, großteils Gesetzestexte aus dem 2. vorchristlichen Jahrtausend – und als solche wollen sie auch gelesen werden!

Da gibt es das Gebot „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ – in den Ohren des modernen Menschen klingt das brutal, aber damals war das revolutionär. Wenn ich einem König einen Zahn ausschlage, dann ist mein Strafmaß dafür „im Ausmaß eines Zahnes“ – und nicht mein Leben (wie es üblich war). Dieses „Tallionsrecht“ war eine BEGRENZUNG des Strafmaßes und somit ein Vorläufer des modernen Strafrechtes (keine Willkür sondern rechtliche Begrenzung). Und auch der König stand UNTER dem Recht und nicht über ihm.

Was die „Sklaverei“ angeht, auch hier war das Volk Israel das einzige, das überhaupt „Rechte“ für Sklaven formulierte. In anderen Völkern galten sie (zum Teil bis in die Moderne hinein) als „Gegenstände“ oder „Dinge“. Das von dir zitierte Gebot (wenn der Sklave sofort stirbt, soll der Herr bestraft werden, wenn er erst später stirbt, dann nicht) geht davon aus, dass man seinen Sklaven durchaus „züchtigen“, das heißt, auch schlagen darf. Klingt in unseren Ohren brutal, stimmt. Aber es war VERBOTEN einen Sklaven bewusst zu töten. Das Leben des Sklaven gehörte NICHT dem Sklavenhalter sondern Gott.

Warum überhaupt Sklaverei? Zum Teil war es eine „Möglichkeit“ in „Schuldknechtschaft“ seine Schulden bei jemandem loszuwerden. Gerade innerhalb des Volkes Israels passierte das durchaus, es war eine Art „Privatkonkurs“. Und auch diese Sklaverei war auf Zeit begrenzt (ähnlich dem heutigen Privatkonkurs). Ob wir heute so viel „freier“ sind, darf durchaus dahin gestellt werden – im 20. Jahrhundert sind einem Artikel in der „Welt“ von 2009 mehr Menschen in sklavereiähnlichen Zuständen als in allen Jahrhunderten vorher (30 Millionen Menschen).

Die Gebote, die du NICHT zitierst sind zum Beispiel die Gebote zum Schutz der Fremden (Ausländer), zum Schutz der Witwen, Waisen, zum Schutz der Armen, zum Schutz der Rechtlosen, etc. Der Alttestamentler von der Universität Münster sagt dazu: „Unser heutiger Grundsatz, Ausländern vor Gericht Rechtsschutz zu gewähren und sozial Benachteiligte im Sozialstaat zu schützen, reicht also weit in die altorientalische Zeit zurück

Gerne gehe ich auch auf weitere Stellen ein, die dir dazu einfallen. Ich bitte dich aber wirklich zu bedenken, den Text als das zu lesen, was er IST: Ein vor über 3000 Jahren im vorderen Orient entstandener Text. Gott redet – so die christliche Überzeugung – nicht unabhängig von der Geschichte oder dem sozialen und gesellschaftlichen Kontext. Sein Wort ist NICHT „vom Himmel gefallen“ sondern in der Geschichte eines Volkes – dem Volk Israel – geoffenbart. (ist übrigens ein großer Unterschied zur Selbstbehauptung des Islams, die den Koran durchaus als „unabhängig“ von der Geschichte sehen wollen)

Warum töten Menschen „im Namen Gottes“?

Dein Vorwurf lautet, dass Menschen zwar „im Namen Gottes“ töten aber nie „im Namen des Atheismus“. Was dich zu der Schlussfolgerung führt, dass Gott hier das Problem darstellt. Du übersiehst meiner Meinung nach, dass der Mensch im Namen von allen möglichen Sachen tötet. Und andere schlimme Dinge tun. Mao Tsedong tat es „im Namen des Fortschrittes. Hitler tat es „im Namen der deutschen Rasse“. Amerika führt Kriege „im Namen der Freiheit“. In der französischen Revolution wurde getötet „im Namen der Unterdrückten“. Im Kapitalismus werden Menschen ausgebeutet und unterdrückt „im Namen des Geldes“ – oder so.

TROTZDEM lässt sich an all dem nicht der Rückschluss ziehen, dass Geld, Kampf für Unterdrückte, Freiheit, Volk, Fortschritt und so weiter AN SICH schlecht sind. Es zeigt nur – wie ich schon ausgeführt habe – das der Mensch das Problem ist. Und dieses Problem sich in 10.000 Jahren Menschheitsgeschichte NICHT durch die Vernunft lösen ließ. Im Gegenteil – die Welt wurde nicht besser, freundlicher oder humaner durch Wissenschaft, Fortschritt und Vernunft. Nur der Lack an der Oberfläche glänzt ein bisschen hübscher. Oder?

Lässt sich „Moral“ mit Hilfe der „Vernunft“ erklären?

Du sprichst eine für mich sehr faszinierende Sache an – wie lässt sich überhaupt „Moral“ erklären bzw. wie erhalten wir eine „moralische Gesellschaft“. Dein Ansatz wäre, „die Vernunft“. Aber hat es bis jetzt IRGENDEINE Gesellschaft geschafft, auch nur annähernd „das Böse im Menschen“ auszumerzen? Gibt es irgendeinen vernünftigen Ansatz, der verhindert, dass Menschen den eigenen Vorteil suchen? Ich kenne keinen – und glaube mir, ich beschäftige mich gerne und viel mit Philosophie. Das bekannteste und immer noch sinnvollste dazu scheint mir tatsächlich Immanuel Kant mit dem kategorischen Imperativ zu sein. „Lebe so, dass die Maxime deines Handelns jederzeit allgemein gültiges Sittengesetz werden könnte“ – Kant meinte, dieses Lebensprinzip würde sich JEDEM MENSCHEN aufgrund der Vernunft erschließen. Aber erstens bin ich mir da nicht so sicher. Aber gut, das sei einmal dahin gestellt. Aber selbst WENN das so ist, ist darin noch keine „moralische“ Richtung enthalten. Der eine sagt: „Gut, ich töte Ehebrecher, weil ich der Meinung bin, dass JEDER Mensch Ehebrecher töten sollte – dass das allgemein gültiges Sittengesetz werden sollte“.

Erfüllt den „kategorischen Imperativ“ – und führt trotzdem zu Problemen 😉

Auch der kategorische Imperativ sagt mir nicht “Wie soll ich handeln”. Und noch weniger “Warum soll ich das tun?” (meiner Meinung nach die Grundfragen beim Thema “Moral”)

Ich befürchte, du überschätzt die Vernunft. Sie hat es in 10.000 Jahren nicht geschafft, den Menschen zu bessern. Was gibt dir den Anlass zu glauben, sie könnte es in den kommenden 10.000 Jahren?

Ist Christsein eine Frage der Intelligenz?

Zuletzt noch deine uncharmante Behauptung, dass Religiosität und Christentum einfach auf „zu wenig Intelligenz“ schließen lässt – ich finde es fast schon anmaßend zu sagen, man sei einfach grundsätzlich intelligenter als Christen. Denn das ist ja letztendlich die Behauptung dahinter (ein Christ ist einfach nur zu dumm, die Wahrheit, die ICH als Atheist erkannt habe, selbst zu erkennen).

Und da mein ich gar nicht mich – ich selbst kann gut damit leben, dass man meint, ich sei weniger intelligent 😉 Das mögen andere beurteilen, nicht ich. Aber bei all den großartigen Männern, die es in der Weltgeschichte gegeben hat und die sich zum christlichen Glauben bekannt haben, zu sagen: „Selbst sei man einfach intelligenter“ finde ich doch etwas mutig. Aber gut, kann ja natürlich trotzdem sein … Habe dir schon ein paar aufgezählt, ein aktueller Wissenschaftler wären zum Beispiel John Lennox (Mathematiker in Oxford)! Eine Seite mit interessanten Zitaten von Naturwissenschaftlern, Nobelpreisträgern, etc. findest du hier: http://www.hjcaspar.de/gldateien/glauwizit1.htm (habe die Zitate dort jetzt NICHT alle überprüft – also mit Vorbehalt)

Übrigens hat du selbst schon erkannt: Weder Dawkins noch sonst jemand kann Gottes Nicht-Existenz BEWEISEN. Der Atheismus ist also per Definition NICHT zu beweisen – also ein „Glaube. Konsequenterweise müsste man als jemand, der nur das glaubt, was man auch beweisen kann, ein Agnostiker sein. Wäre dann vielleicht auch intelligenter 😉

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