Tot, toter am totesten?

Ich habe in meinem Beitrag über Organtransplantation (“Nur über meine Leiche” siehe HIER) ein ganz interessantes Thema angeschnitten: Die Frage, wann ein Mensch wirklich TOT ist! Oder, anders formuliert, bis wann ist ein Mensch ein schützenswertes Wesen und ab wann kann man getrost Organe oder was auch immer entnehmen, ohne eine ethisch verwerfliche Tat zu begehen.

Quelle. Wikipedia

Quelle. Wikipedia

Denn als die Medizin begonnen hat, Organe zu transplantieren, stand man vor einem Dilemma: Klassischerweise galt ein Mensch nach Versagen des Herz-Kreislaufsystems über einen längeren Zeitraum als “tot”. Tragischerweise bedeutet dieser Zustand dann aber gleichzeitig, dass Organe wie das Herz ebenfalls mausetot und nicht mehr zu “gebrauchen” sind. Die Frage, ab wann man einen Menschen für “tot” erklären konnte, wurde ganz neu diskutiert und es setzte sich eine neue Meinung durch: Nämlich, dass es nicht um das Herz-Kreislaufsystem geht, sondern dass das GEHIRN das entscheidende Organ sei. Wenn das tot ist (dh. 10 Minuten Null-Linie im EEG, also keinerlei messbare Hirnaktivitäten), DANN ist ein Patient “tot” – und praktischerweise kann ich gleichzeitig dank einer Herz-Lungenmaschine den gesamten restlichen Organismus “am Leben halten”! Also was jetzt – tot oder am Leben? Irgendwie beides, oder? Nur durch DIESE neue Definition des menschlichen Todes sind Organtransplantationen von toten (?) Spendern überhaupt möglich.

Aber IST der Hirntod tatsächlich das entscheidende Kriterium, dass jemand “tot” ist? Sind wir Menschen letztendlich nur das, was in unserem Gehirn passiert? Freilich, bei einer rein materialistischen Definition des Menschen hätte man mit diesem Kriterium keine Probleme. Aber was ist mit der Seele – wenn wir davon ausgehen, dass ein Mensch eine Seele hat? Sitzt diese im Gehirn? Anders gefragt: “Kann man einen Menschen auf sein Gehirn reduzieren” – ist alles andere nur “Beiwerk”, überflüssiger (zugegeben sehr nützlicher) Zierrat?

Wann ist ein Mensch tot? Noch schwieriger wird die Frage, wenn wir bedenken, dass einzelne ZELLEN noch bis zu vier Monate nach dem Hirntod noch “wachsen”, sich teilen, Aktivität zeigen! Vier Monate, das ist ein langer Zeitraum. Und erst DANN sind wirklich alle Zellen, die vormals einmal “ICH” waren, wirklich tot! Erst dann ist vom “biologischen” Leben eines Theolunken nichts mehr Lebendiges übrig. Also ist man vielleicht nach dem “Hirntod” ein bisschen tot, wenn sich dann die typischen Todeszeichen zeigen (Todesflecken, Abkühlung, Verwesung) ein bisschen mehr – und nach 4 Monaten dann ganz und gar?

Könnte es sein, dass der Tod nicht ein bestimmter “Zeitpunkt” ist sondern viel eher ein Prozess, den ein Körper durchwandert? Und könnte es dann nicht auch sein, dass der “Hirntod” als amtlicher Todeszeitpunkt nicht unbedingt aus biologisch-medizinischen Gesichtspunkten sondern eher “pragmatisch” gewählt ist? Diese Frage ist doch wichtig, denn wenn ein Mensch ohne Gehirnaktivität zwar ein definitiv “sterbender” Mensch ist, aber noch nicht tot – dann würde er durch die Entnahme seines Herzens letztendlich “getötet” werden. Das bringt uns in ein ethisches Dilemma …

Persönlich meine ich durchaus, dass es seine Berechtigung hat, den Hirntod als “pragmatischen Todeszeitpunkt” festzulegen. Denn ohne Zweifel wäre jeder andere Zeitpunkt auch ein “willkürlich” gewählter. Wenn ich also – wie es früher üblich war – die oben erwähnten typischen Todeszeichen als “Zeitpunkt” wähle, dann sind ja immer noch Zellen lebendig! Dann ist immer noch “Leben” da, dass ich kurzerhand mit für tot erkläre! Aus rein praktischen Überlegungen MUSS ich so einen Zeitpunkt bestimmen, denn dann gehen gewisse rechtliche Prozesse ihren Weg, der Körper wird zur Bestattung freigegeben und so weiter! Hier überwiegen dann FÜR MICH die Vorteile der “Hirntod-Definition” aufgrund der Leben, die dadurch gerettet werden können.

Aber mir ist bewusst, dass diese Frage nicht so einfach geklärt werden kann – man kann hier durchaus auch anderer Meinung sein!

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5 Responses to Tot, toter am totesten?

  1. Christiane says:

    Man kann es ja auch so sehen (Zum Thema Herz): Das kann ausgetausch und reanimiert werden – aber nicht das Gehirn.

    • Theolunke says:

      Ich würde korrigieren – kann zum derzeitigen Zeitpunkt aus nicht “reanimiert” werden … was, wenn man eines Tages einen “Gehirn-Defibrillator” hat, der die Hirnströme wieder neu anregt? 🙂 Nur mal so als Gedanke …

  2. Joseph says:

    ich denke, ich würde auch diesen ansatz vertreten. haben heute eh schon ausführlich darüber gesprochen. jedenfalls danke für die verlinkung auf meinen blog. ich werde hoffentlich nächste woche etwas über die wichtigkeit von schlaf posten. auch da geht es ums gehirn. denn beim schlaf wird das gehirn “entmüllt”…so quasi: weniger schlaf, mehr müll im hirn…

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