Artikel X – Alles voller Abschreibfehler?

Artikel X

Wir bekennen, daß die Inspiration streng genommen nur auf den autographischen Text der Schrift zutrifft, der aber durch die Vorsehung Gottes anhand der zur Verfügung stehenden Handschriften mit großer Genauigkeit ermittelt werden kann. Wir bekennen ferner, dass Abschriften und Übersetzungen der Schrift soweit Gottes Wort sind, als sie das Original getreu wiedergeben.

Wir verwerfen die Auffassung, dass irgendein wesentlicher Bestandteil des christlichen Glaubens von dem Fehlen von Autographen betroffen sei. Wir verwerfen ferner die Ansicht, dass ihr Fehlen die Verteidigung der biblischen Irrtumslosigkeit nichtig oder unerheblich mache.

Schlachter Bibel

Ihr habt sicher gemerkt, ich habe einige Artikel der Chicago-Erklärung übersprungen. Diese Erklärung aus dem Jahr 1978 ist ein zu Papier gebrachtes Statement verschiedener Christen, die darin die Irrtumslosigkeit und Unfehlbarkeit der Schrift proklamieren (vollständiger Text HIER)! Warum schreibe ich heute über den zehnten Artikel? Weil es wichtig ist – ich möchte damit einem weit verbreiteten Irrtum entgegentreten. Es ist mir wichtig, dass man nicht immer über die selben Punkte streitet, darum hier einmal in aller Klarheit:

Die Bibel entstand in einem Zeitraum von 1500 Jahren und wurde vor 2000 Jahren abgeschlossen. Heutzutage verfügen wir über KEINE EINZIGEN Originaltexte der damaligen Zeit – wir müssen uns also darauf verlassen, dass die Texte akkurat und wortgetreu wiedergegeben wurden. Denn der Überzeugung der Autoren der Erklärung gemäß gilt die Irrtumslosigkeit und Unfehlbarkeit, die “göttliche Inspiration” der Schrift nur für diese Originalschriften, die “Autographen”! Heißt das nun, wir können uns aufgrund der Übertragungen und Übersetzungen NICHT sicher sein, dass die Bibel wahrhaft “Gottes Wort” ist?

Ich behaupte, DOCH, wir können uns sicher sein! Kein Text in der Geschichte wurde so sorgfältig übertragen wie die Bibel. Ein Beispiel? Die “Masoreten”, eine Schule von Schriftgelehrten, schrieben die Texte ab. Dabei wurden nach dem Abschreiben die Buchstaben gezählt – gleichzeitig wusste man, welcher Buchstabe in der Mitte jedes Buches und der ganzen Bibel stehen musste. Falls hier eine Abweichung gefunden wurde, musste die Abschrift vernichtet werden. Die moderne “Textkritik” geht davon aus (siehe auch Prof.Dr. Aland u.a.) dass der Text der Bibel mit ziemlicher Sicherheit weitestgehend der Text war, der vor tausenden von Jahren niedergeschrieben wurde. Er schrieb: “Die Wahrscheinlichkeit, eine Handschrift zu finden, die den erhaltenen Text ernsthaft in Frage stellen würde, ist gleich Null!”

Zu behaupten, die Bibel wäre voller “Abschreibefehler” und durch die Überlieferung verfälscht und voller Irrtümer ist schlichtweg unwissenschaftlich und lt. aktuellem Stand der Forschung falsch!

Ein bisschen anders verhält es sich natürlich mit den Übersetzungen. Wenn ich einen Text in eine andere Sprache übersetze, dann KANN ich diesen gar nicht 100% wiedergeben. Das ist vollkommen unmöglich (deswegen wird kein Moslem eine “Übersetzung” des Korans aus dem Arabischen anerkennen)! Die Chicago Erklärung stellt hier einfach nur fest, dass “original getreue” Übersetzungen auch als Gottes Wort genommen werden! Diese Formulierung lässt natürlich einen gewissen Spielraum zu – ich empfehle immer, wenn jemand genauer wissen will, was in einem Bibeltext steht, dann kann er dazu folgende Schritte durchführen:
1. Eine gute, wortgetreue Übersetzung zur Hand nehmen (Elberfelder, Luther, Schlachter, …)
2. Verschiedene Übersetzungen miteinander vergleichen
3. Darüber beten und Gott einfach auch FRAGEN was er damit meint
4. Zu jemandem gehen, der griechisch bzw. hebräisch kann und den Urtext mit ihm ansehen (oder selbst diese Sprachen lernen) 🙂

Soviel mal von meiner Seite zu diesem Thema 🙂 Ich finde es ja in Diskussionen immer wieder interessant, wenn Menschen sagen: “Ja, die Bibel ist ja durch Abschreibefehler und Übersetzungen VOLLER IRRTÜMER und WIDERSPRÜCHEN – wie kannst du da nur an der Irrtumslosigkeit festhalten?” Falls man dann aber nachfragt: “Welche belegten Irrtümer und Widersprüche meinst du genau?” – dann ist meistens Schweigen angesagt. Natürlich gibt es “Problemstellen” – aber mir ist noch keine Stelle begegnet, wo es nicht vernünftige und logische Lösungen geben würde 🙂

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7 Responses to Artikel X – Alles voller Abschreibfehler?

  1. theomix says:

    Das Bekenntnis in Art. X beschreibt schon das Problem: Wir haben kein Original. Da das Bekenntnis nun nicht mehr “streng genommen” gehandhabt werden kann, eiert man herum. Und muss Unterscheide in den Handschriften zu Kleinigkeiten definieren. Manches ist dann schon gravierend, etwa der “unechte Markus-Schluss”. Kein Unterschied der Handschriften betrifft jedoch m. E. die zentrale Botschaft.
    Widersprüche in der Bibel kommen nicht von Abschreibfehlern und Übersetzungen, sondern liegen teilweise im Text selbst. Damit widerspreche ich irgendwelchen anderen Artikeln, sicher. Die gesamte Erklärung versucht, Gottes Größe zu definieren und wird damit notwendigerweise kleinlich. Das ist für mich das grundsätzliche Problem. Ich sag es mal so: Gottes Weg mit der Schrift ist holprig und kantig – damit wir nicht zu schnell Gott zu fassen kriegen sollen. Es könnte ja sein, das Gott Fehler und Widersprüche will. Widersprüche gehören zum Menschen, zu seinem Anteil am Wirken des Geistes.

    Ha ja, und zwischen dem erste und zweiten Satz wird (zumindest hier) die Hermeneutik galant übersprungen.

    • Theolunke says:

      Dass wir keine Originale habe, ist für mich nur ein nebensächliches Problem – denn dafür gibt es eben die Wissenschaft der “Textkritik”. Und genau da sind ja ALLE nur irgendwie bekannten möglichen Abweichungen oder unterschiedlichen Lesarten auch dokumentiert … vermutlich besser, als bei allen anderen Schriften.

      Würde es denn einen Unterschied machen, wenn wir die “Autographen”,also die Originalschriften hätten? Im Anspruch der Bibel? In der Herausforderung, vor die sie uns stellt? Ich denke nicht …
      Die “Fehler und Widersprüche” finde ich so nicht … da muss ich nicht auf “kleinliche Erklärungen” gehen oder versuchen, “Gott zu verteidigen” … das kann er ganz gut selbst 🙂

      • theomix says:

        Was wo? ‘Klienliche Erklärungen’? Iich meinte, die “Chicagoer Erklärung” als Ganzes wird kleinlich, denn sie will definieren statt staunen. Gerade so versucht sie Gott und Gottes Größe in der Schrift zu verteidigen…

  2. Ben says:

    Ich hab mir in letzter Zeit schon öfter gewünscht, ich könnte griechisch 🙂 Andauernd stößt man auf Übersetzungen, wo man später aufgeklärt wird, dass sie den Sinn nicht ganz treffen. Das hast du sehr schön erklärt, finde ich, indem du sagst, dass es nicht möglich ist einen Text 100% korrekt zu übersetzen, weile eben nicht jedes Wort in jeder Sprache das gleiche ausdrückt… ich persönlich versuch mir in solchen Fällen mit einer Interlinearübersetzung des “Originals” und einem Wörterbuch weiterzuhelfen 😉
    Letztendlich merkt man aber immer wieder: die Bibel ist für sich allein genommen nicht so viel nütze, wie manche meinen… was würde sie uns bringen, wenn wir nicht den Geist hätten, der uns die Schriften erklärt und uns in alle Wahrheit führt!

    • Theolunke says:

      Hey Ben – naja, ich drück mich in meinem Studium bis jetzt noch erfolgreich vor Griechisch … aber für 2014 steht es unausweichlich in meinem Plan 🙂 Aber Interlinearübersetzungen sind da echt hilfreich – auch ohne großartige Griechischkenntnisse! Und deinem letzten Absatz muss ich sowieso uneingeschränkt zustimmen 😉 Die Bibel wurde “durch den Geist” geschrieben und kann nur “durch denselben Geist” verstanden werden. Bibellesen heißt (für mich) immer im Gebet auch in Verbindung mit Gott zu sein und einfach zu FRAGEN was er denn jetzt meint …

  3. Paul says:

    Bin gerade vorgestern im neuesten Buch von Markus Spieker “Gott macht glücklich und andere fromme Lügen” auf folgende Passage gestoßen: “Mich stört an dieser Feststellung [Chicagoer Erklärung], dass sie meine Lieblingstheologen Barth, Bonhoeffer, Brunner, Pannenberg, Peterson, Stott, Thielicke sie genauso wenig unterzeichnet hätten wie mein Lieblingsschriftsteller C. S. Lewis.”
    Nur so als weitere Gedankenanregung! 😉
    Sollen wir uns mal auf einen Kaffee treffen (hab auch Whiskey zuhause) und uns darüber austauschen? Mich würd da echt auch deine ganz konkrete, persönliche Meinung interessieren, die nicht wirklich im Blog durchklingt…

    • Theolunke says:

      Hey Paul, gerne – Whisky klingt hervorragend, können uns gern nächste Woche mal treffen 🙂 meld mich dann noch …

      Und was die “Lieblingstheologen” von Spieker betrifft, nun, das ist sicher etwas, worüber man nachdenken kann. Bei den bisher behandelten Artikel der Chicago-Erklärung kann ich schon sagen, dass das eigentlich meine Meinung widerspiegelt … auch wenn ich, GERADE durch den Prozess des Schreibens und Reflektieren da auch im Moment viel drüber nachdenke! Ich würde mittlerweile vermutlich sagen,das ganze Thema ist einfach komplexer als in diesen paar Artikeln formuliert werden kann. Es spielen einfach noch viel mehr Dinge mit hinein, die Wirkung des heiligen Geistes, die Exegese und die dafür verwendete Hermeneutik, die Textarten der Schrift, und und und … die Chicago-Erklärung – und das ist mein momentaner Eindruck – greift einfach viel zu kurz und versucht, ein komplexes Thema plakativ zu vereinfachen! Aber ich werde zu diesen Überlegungen in den nächsten Tagen noch ein persönliches “Zwischen-Fazit” ziehen … du hast sicher recht,dass meine persönliche Meinung nur wenig “durchklingt” – weil sie sich gerade jetzt in der Auseinandersetzung mit diesen Dingen “im Fluss” befindet … sprich, ich tue mich schwer, jetzt im Moment einen “festen Standpunkt” einzunehmen, weil ich über manches noch Nachdenken will 🙂

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