Artikel II – Bibel oder kirchliche Autorität

Der zweite Artikel der Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit der Schrift (gesamte Erklärung HIER) behandelt die Frage, was denn nun die “höchste” Autorität ist. Die Bibel – oder sind kirchliche Autoritäten in bestimmten Fällen dem doch gleichgestellt?

Artikel II

Wir bekennen, dass die Schrift die höchste schriftliche Norm ist, durch die Gott das Gewissen bindet und dass die Autorität der Kirche derjenigen der Schrift untergeordnet ist.

Wir verwerfen die Auffassung, dass kirchliche Bekenntnisse, Konzilien oder Erklärungen eine höhere oder gleichrangige Autorität gegenüber der Autorität der Bibel hätten.

Quelle: Wikipedia – erstes Konzil von Nicäa

Tja, im ersten Artikel habe ich schon geschrieben, dass es sich bei der Bibel anscheinend um eine AUTORITÄT oder sogar DIE Autorität für Christen handelt. Aber ist es die einzige Autorität? Zuallererst fallen mir hier natürlich kirchliche Konzile, Dogmen oder Dekrete ein, die doch irgendwie auch eine ähnliche Autorität beanspruchen. Aber das Problem gibt es ja nicht nur im “katholischen Lager” – oder? Haben nicht auch reformierte Christen, Freikirchler und andere oft den Anspruch, dass die jeweils “eigene” Auslegung natürlich die einzig Richtige ist? Die eigene “Hermeneutik” – ein anderes Wort für Auslegung – wird dann oft in denselben Rang gehoben, wie die Bibel selbst!

Ein Beispiel: Viele fruchtlose und letztendlich ebenso sinnlose Diskussionen habe ich schon erlebt, wo sich Christen gegenseitig zerfleddert haben, weil die eine Seite darauf besteht: “Der Schöpfungsbericht ist DEFINITIV als naturwissenschaftliches Dokument zu lesen” – während die andere Seite konsterniert: “Nein, das ist ein poetischer Text und als solcher zu verstehen”
Beide Seiten bestehen darauf, dass IHRE Auslegung die Wahrheit beinhaltet. Somit erklärt man die eigene Auslegung als der Schrift “gleichgestellt” und ebenso Autorität und bindende Norm.

Vielleicht sollten wir uns überlegen, ob wir nicht auch manchmal eigene Auslegungen, eigene Meinungen und eigene Traditionen als “der Schrift gleichgestellt” betrachten … ich vermute, dass das zumindest bei mir manchmal der Fall ist!
Lt. “Chicago-Erklärung” wäre das eindeutig “zu verwerfen”! Oder ist das eigentlich egal?Eventuell darf man das ja auch gar nicht “so eng sehen” – was meint ihr?

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10 Responses to Artikel II – Bibel oder kirchliche Autorität

  1. Ben says:

    Schöne Gedanken machst du dir 🙂
    Ich persönlich habe da in den letzten Jahren einen Wandel durchzogen. Früher war ich immer der Überzeugung, man müsse die Bibel als einzige Autorität ansehen. Ich war da eher ein hardliner, der vollsten Überzeugung, es gebe nur eine einzige Art die Bibel auszulegen – natürlich so, wie ich es tat 😉 – und letztlich ließen sich alle frommen Streitigkeiten damit lösen, wenn sich alle mal direkt an die Bibel halten würden, ohne etwas dazu zu dichten…
    Naja, mitlerweile sehe ich das doch etwas differenzierter. Ich entdeckte, dass andere, die das selbe von sich behaupteten, dennoch ganz anders die Bibel verstanden. Was nun?! 🙂

    Ich persönlich denke, dass die Bibel oft zu hoch gehoben, und teilweise zu einer Art Zauberbuch gemacht wird… teilweise als Folge der Reformationszeit, in der man die Bibel als neuen Schatz entdeckt und vielleicht auf ein etwas zu hohes Podest gehoben hat. Schwer tu ich mich zb auch mit Christen, die von sich sagen, dass die Bibel das einzige Fundament ihres Glaubens sei… Kann ich nicht entdecken, dass Jesus sowas mal angeordnet hätte. Wenn man in die biblischen Schriften hineinsieht, haben Jesus und die Apostel den Schriften nicht so einen Stellenwert gegeben, wie es heute oft geschieht. Die Schriften waren auch ihnen wichtig, und es gab keinen Zweifel, dass Gott durch sie spricht. Keine Frage. Aber ich denke auch, dass die Schriften eher Zeugnis davon liefern, wie andere Menschen Gottes Wirken erlebt haben, als dass man jeden einzelnen Vers mit “göttlicher Zauberkraft” versehen könnte. Ich würde es so beschreiben, dass sie uns durchaus einen Maßstab fürs Leben liefert, dass wir daraus viel über Gottes grundlegende Absichten lernen können. Und ja: man kann die Hermeneutik nicht außen vor lassen. Zum einen die Kenntnis der Zusammenhänge und des Kontextes… Und dazu nehmen wir Menschen Gottes Reden immer subjektiv war. Gott spricht oft durch einen Bibeltext zu einem Menschen anders, als zu einem anderen. Somit bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als in Gemeinschaft zu leben, damit wir uns gegenseitig darin bereichern können, wie jeder einzelne Gott unterschiedlich wahrnimmt…
    Ach und was ich auch denke: Gottes REDEN sollte für uns absolute Autorität haben – Gottes Reden nehmen wir durch seinen Geist durch viele Unterschiedliche Dinge war… durch die Schriften natürlich… durch das Reden Gottes durch Freunde oder andere Christen… direkt zu uns im Gebet… oder manchmal sogar durch nen dummen Esel… 🙂 Es gilt Sensibilität dafür zu üben, und dann darauf zu gehorchen. Aber weniger die Bibel als ein Gesetzbuch verstehen… Es geht um das Leben im Geist. Davon wird bei weitem mehr im neuen Testament geschrieben, als davon die Bibel auswendig zu lernen und nach dem Buchstaben zu leben.

    • Theolunke says:

      Hi Ben 🙂
      Also, die Bibel als “Zauberbuch” – das ist schlecht. Vor allem, weil man ja immer die eigene Auslegung im Kopf hat 🙂 Und diese ist natürlich menschlich und fehlerhaft … aber es dauert oft lange, bis man zu dieser Erkenntnis kommt (ich habe viel zu viele sinnlose Diskussionen geführt, weil ich früher diesen Punkt eben NICHT erkannt habe)

      Aber weil du Jesus als Beispiel nimmst – es ist verblüffend, wie oft er oder auch Paulus und andere NT-Autoren das alte Testament zitieren. Habe gelesen (ohne Gewähr) das ca. 10% des Neuen Testamentes aus Zitaten und Anspielungen aus dem AT bestehen … ziemlich viel, finde ich! Die nahmen die Schriften sehr ernst und erkannten: “Gott spricht DURCH diese Schriften” … genau wie er heute auch durch “sein Wort” spricht. Aber das WIE .. und das ist oft Gegenstand von Diskussionen – ist leider nicht immer so leicht zu erkennen 🙂 Aber ich werd da in zukunft noch ein bisschen was dazu schreiben … Gedanken, halt 🙂

  2. De Benny says:

    Wär mal interessant ne Liste zu machen, welche Schriften Jesus und Paulus aus dem AT zitiert haben. Sollte man daran dann den AT Kanon anpassen? Würde wohl keiner fordern…

    Was ich nicht ganz verstehe ist, was es heißen soll, wenn wir eigene Vorstellungen der Schrift gleichsetzen. Wir kriegen ja nur Auslegungen, die wir beurteilen können. Schrift ohne Auslegung haben wir nicht. Wie kann es da zu einer Konkurrenzsituation Schrift vs subjektive Auslegung kommen? Konflikte bestehen immer zwischen verschiedenen Auslegungen. Das anzuerkennen würde im Streit zwischen Evangelikalen und liberaleren Christen sicherlich gut tun, weil sich die einen dann nicht mehr über die anderen erheben können.

    Stellt sich noch die Frage, wie man erkennt, welche Auslegung jetzt den Geist atmet. Ich glaube das können wir gar nicht selbst herausfinden, das wird uns wenn, dann von Gott geschenkt (oder der Teufel macht uns vor es wär so). Ich finde auch gut, daß es so ist. Hilft dem Menschen, demütig zu bleiben. Keiner hat den Geist in der Tasche, wir können nur danach streben, uns dem unterzuordnen, was wir als Geist erkennen und darauf hoffen und beten, daß das tatsächlich der Geist ist. Wir leben letztendlich allein aus der Gnade Gottes. Auch in diesen Fragen.

    Was die Konzilsbeschlüsse, Dogmen usf angeht, so würden diejenigen, die sie formuliert haben ja immer sagen, was sie da beschlossen haben, stimmt zu 100% mit der Schrift überein. Insofern ist es für sie auch nicht ganz nachvollziehbar, wenn wir da behaupten, es gebe einen Konflikt. Es sind halt auch alles Auslegungen, vielleicht welche, die wir heute nicht mehr nachvollziehen können, aber trotzdem. Und wenn die Kirche oder ein Prediger die Schrift auslegt, dann übt er auch ein Stück weit Autorität über sie aus, weil er seine eigenen Gedanken zu den Schriftstellen predigt. Wir hören nicht die Schrift (die wir ja rein, ohne unser eigenes Verständnis gar nicht kriegen können, wie gesagt), sondern wir hören die Gedanken des Predigers zu der Schriftstelle und zwar durch unsere subjektiven Filter. Jeder hört ja auch ein Stück weit was anderes, bleibt an anderen Punkten hängen.

    • Theolunke says:

      Soweit ich weiß, wird einzig und allein das Buch Ester nirgends zitiert. Oder Ester und Ruth … irgendwie so. Darum wurde es auch (manchmal) diskutiert, ob die überhaupt in den Kanon gehören 🙂 aber die andere Seite hat sich nie – auch nur ansatzweise – durchgesetzt!

      • De Benny says:

        Irgendwo wird mein ich auch Bezug genommen auf das (eins der) Henochbüch (bzw Bücher) und das ist auch nicht in den Kanon gekommen…

      • Theolunke says:

        Hi Benny – also soweit ich weiß, wird im neuen Testament sowieso sehr “frei” zitiert. Henoch wird – wie du schon genannt hast – im Judasbrief, Kapitel 14, zitiert, Titus 1,12 zitiert einen unbekannten griechischen Philosophen (eventuell Epimenides) … ich denke, die Autoren gingen tatsächlich nach dem Grundsatz vor: “Prüfe alles und das Gute behalte” … auch in “nicht-kanonischen” schriften findet sich viel Wahrheit über Gott wieder! Übrigens auch die Meinung von Luther, der sie als “nützlich zur Erkenntnis” aber eben NICHT dem Kanon gleichgestellt betrachtete …

      • De Benny says:

        Mein Punkt ist einfach: Wenn Du aus den AT Zitaten im NT abliest, daß die NT Autoren anerkannten, daß Gott durch diese Schriften spricht, dann könnte man im Umkehrschluß sagen, daß Gott auch durch nichtkanonische Bücher wie Henoch spricht oder gar durch die von Dir genannten Philosophen, aber nicht durch ein kanonisches Buch wie Esther…
        Kann man so nicht sagen, denke ich, darauf wollte ich hinaus.

      • Theolunke says:

        Ich denke, ich verstehe deinen Punkt 🙂
        Es geht aber mehr um die Einstellung der Menschen im NT zu “den Schriften” … eine Gesetzlichkeit oder auch nur ein valides Argument für Irrtumslosigkeit oder sonstiges der Schriften bekommt man daraus nicht 🙂 …

  3. theomix says:

    Die Verwerfung ist leicht gesagt. Hermeneutisch gibt es ja wohl die Schrift nie ohne auslegung – sei es auch nur unausgesprochen. Inweiweit Auslegung und Erfahrung Maßstab zur Bewerrtung der Schrift ist eine Frage – und die Antwort darauf ist mit Verwerfungen nicht beizukommen.

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