Tag 21: “Es wird gut gewesen sein!”

“Oh, wir haben dich gesucht, Gott, in jeder Ruine, in jedem Granattrichter, in jeder Nacht. Wir haben dich gerufen. Gott! Wir haben nach dir gebrüllt, geweint, geflucht! Wo warst du da, lieber Gott? Wo warst du da, lieber Gott?”

(Borchert “Draußen vor der Tür”)

Die Frage nach dem Leid ist eine existenzielle Frage, die vermutlich jedem Menschen im Leben einmal begegnet! Diese Frage lässt sich auch niemals “abstrakt” behandeln, manchmal wird dann argumentiert: “Was ist mit den hungernden Kindern in Afrika” – aber Leid hat immer auch ein Gesicht, Leid trifft immer jemanden persönlich! Die Frage nach dem Leid irgendwo draußen in der Welt wird vielleicht manchmal als “Ausrede” verwendet, um sich nicht mit Gott auseinander setzen zu müssen! Aber Leid ist etwas, das uns in den Grundfesten unserer Existenz erschüttern kann! “Warum musste mein Vater sterben, als ich ihn so dringend benötigt hätte?” – “Wo war Gott, als ich mein Kind verloren habe?” “Weshalb hat es Gott nicht verhindert, als das Krebsgeschwür wuchern begonnen hat?”

Salomo und die Frage nach dem Leid

Quelle: Wikipedia

Salomo beschäftigt sich mit der Frage nach dem Leid in einem anderen Kontext. Er fragt sich, wo ist Gottes Gerechtigkeit angesichts der himmelschreienden Ungerechtigkeit im Leben der Menschen (Kapitel 8, ab Vers 9)! Wo ist Gott, wenn Unrecht geschieht. Wenn Menschen verletzt, gefoltert, getötet werden? Das ist die Frage, die Borchert in der Operette “Draußen vor der Tür” sehr aggressiv formuliert.

Aber gibt es auf diese Frage überhaupt eine Antwort? Die Frage hat sogar einen eigenen Namen, es ist die “Theodizee-Frage”! Die Frage, wie kann ein gerechter und guter Gott Unrecht und Leid zulassen? Entweder ist er gut – aber nicht allmächtig! Er KANN einfach nicht eingreifen, nicht helfen. Oder er ist allmächtig – aber nicht wirklich gut, er macht sich schuldig wegen “unterlassener Hilfeleistung”! Diese Frage ist letztendlich eine “Umkehrung des jüngsten Gerichtes”, wir als Menschen drängen Gott auf die Anklagebank! Wir stellen die Fragen und beschuldigen Gott – die einzige “Ausrede” die er hätte, wäre, dass er gar nicht existiert. Die Frage führt also anscheinend direkt in den Atheismus – aber löst dass das “Problem” des Leids? Ist das eine befriedigende Antwort? Ich denke, wir müssen tiefer graben …

Da ich mich gestern vom Buch “Prediger” herausfordern ließ, mich damit zu beschäftigen, war ich abends bei einem Vortrag im Zuge der “Theologischen Sommertage” zur Frage: “Warum, Gott, zum Heil die fürchterlichen Umwege, das Leid der Unschuldigen, die Schuld?”

Leid und Erlösung

Diese Frage beschäftigt die Theologen und Philosophen spätestens seit Leibniz (nein, nicht dem Butterkeks sondern dem Philosophen Gottfried Wilhelm)! Gestern bei dem Vortrag hat Dr. Willibald Sandler einen ganz wichtigen Aspekt in diese Debatte mit eingebracht: Die Frage der “Theodizee” ist nur beantwortbar im Kontext des Erlösungsgeschehens Gottes. Er lässt Böses zu, ja, das stimmt. Aber “Leid und Böses ist das Risiko, das Gott eingeht, nicht nur der Schöpfung sondern auch der Erlösung”! Gott riskiert im wahrsten Sinne des Wortes “Kopf und Kragen” um Menschen zu retten! Und das ist keine leere Floskel, am Kreuz trug Gott selbst in Jesus Christus das Leid der Welt BUCHSTÄBLICH auf seinen eigenen Schultern. Gott ist kein unbeteiligter Dritter, wenn Menschen leiden. Sondern er ist mittendrin im Leid, leidet mit und reicht uns IM LEID die Hand zur Erlösung (das war jetzt der Kern des Vortrages in einem Absatz zusammengefasst).

Aber was bringt MIR das – IN meinem Leid, IN meiner Situation? Das ist doch keine Antwort auf die Frage, WARUM Gott zulässt, dass gerade mir dieses Leid zustößt! Ich habe woanders schon geschrieben (HIER), die Frage nach dem “Warum” hilft uns letztendlich nicht weiter. Die Frage ist, wie kann es weitergehen? Was gibt Hoffnung? Was kann uns neuen Mut und neue Kraft geben, um trotzdem weiterzumachen. Die Antwort (oder vielleicht “eine” Antwort) lautet: “Darauf vertrauen, dass es gut gewesen sein wird!” – Es wird gut gewesen sein – das bedeutet, wir müssen nichts schönreden. Leid ist schlecht, wenn schlimme Dinge passieren, dann ist das Schei… dann ist das nicht gut! Und das dürfen wir auch so nennen. Aber wir müssen da nicht stehenbleiben, wir haben die Perspektive “Es wird gut gewesen sein” – wir werden auf unser Leben zurückblicken und das erkennen. Das verspricht uns Gott, dafür steht er mit SEINEM Namen! Beispiele aus der Bibel? Bitte sehr, in den Psalmen steht: “Meine Seele, was bist du betrübt und unruhig in mir? (Leidsituation!!) Harre auf Gott, denn ich werde ihm noch danken. … meinem Gott und Retter, auf den ich schaue!” (Psalm 42,6; 42,12; 43,5)! Und auch die Einzelerfahrung von gläubigen Menschen, die berichten dass sie genau das erfahren durften, spricht dafür, dass diese Aussage stimmig ist. Die Frage an uns, an mich ist nur: “Vertraue ich Gott genug, um darauf zu bauen?” Und diese Frage kann mir letztendlich niemand anders beantworten – außer mir selbst.

Ich entscheide mich …

Ich kann mich entscheiden, dass ich fest daran glaube, dass meine Grundüberzeugungen darauf ruhen, …

  • dass Gott gut ist
  • dass Christus Sieger ist
  • dass das Böse in Christus bereits besiegt ist
  • und am Ende ALLES gut gewesen sein wird!

Und dann kann ich auch auf die Frage von Borchert antworten: “Gott war da – mitten im Leid, er war in den Granattrichtern, in jeder Nacht! Er hat darunter gelitten, und er kann selbst aus dem bösesten Gutes enstehen lassen!” Und diese Überzeugung habe nicht nur ich, sondern diese hat zum Beispiel auch Dietrich Bonhoeffer (evangelischer Pfarrer, 1945 im KZ Flossenbürg von den Nationalsozialisten erhängt) formuliert. Ich schließe mit einem Text von Bonhoeffer:

Dietrich Bonhoeffer

Ich glaube,dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,
Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen,
die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube,
dass Gott uns in jeder Notlage
soviel Widerstandskraft geben will,
wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im voraus,
damit wir uns nicht auf uns selbst,
sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst
vor der Zukunft überwunden sein.
Ich glaube, dass auch unsere Fehler
und Irrtümer nicht vergeblich sind,
und dass es Gott nicht schwerer ist,
mit ihnen fertig zu werden,
als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Ich glaube,
dass Gott kein zeitloses Fatum ist,
sondern dass er auf aufrichtige Gebete
und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

PS: HIER <– geht es zur Erklärung, was es mit diesem “30-Tage-Experiment” auf sich hat! Die Beschäftigung mit den “Weisheiten Salomos” begleitet mich momentan durch den Alltag!

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6 Responses to Tag 21: “Es wird gut gewesen sein!”

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  2. Sehr bewegend und auf den Punkt gebracht – danke dafür! Man merkt, dass da “Fleisch am Knochen” im Sinne von eigenen Erfahrungen drin ist; sonst kann man das nicht so überzeugend bringen. Hat mich sehr berührt :-)!

    • theolunke says:

      danke … wobei es ja so ist, dass ich durchaus kein “leidender” oder “betrübter” Mensch bin (würden jetzt vermutlich alle,die mich kennen, sofort unterschreiben)
      🙂

      • Den Eindruck habe ich bisher auch nicht erhalten 😉 Aber ich erlebe selber, dass man gewisse Aussagen nur dann überzeugend rüberbringen kann, wenn man ein bissel weiss, wovon man da spricht – oder es hilft zumindest enorm :-)!

  3. “Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen (Jesaja 53, 4)” . Ich glaube, ich hab nicht wriklich den Hauch einer Ahnung, WAS das bedeutet. ALLE Schmerzen ertrug und erträgt Gott ???? “Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen” (Jesaja 53, 5). Auch das ist unbegrreiflich, wenn ich HINSCHAUE, auf die Missetat, auf die Sünde. Im Moment ist mir nur danach zu beten, “Bitte mach, das es aufhört – mach, dass diese Welt aufhört”. “Warum?” Warum gibt es Sünde ???????????? Warum IST des Menschen, mein Herz SO böse? Warum liebt uns Gott TROTZDEM????????????????????????
    Ich bin nur froh und dankbar, DASS er uns SO liebt und dass er jede gemarterte und gefolterte Seele, die ihn anruft, annimmt, dass er jeden Schrei, den wir nicht hören, hört, dass er hinschaut, wo wir wegschauen, und dass er, wie du Roman sagst, einfach mittendrin ist. Die eigentliche Frage lautet, wie hält Gott soviel Leid aus….

    • theolunke says:

      “Wie hält Gott so viel Leid aus” … ist eine gute Frage in diesem Zusammenhang. Wir sehen immer nur unser Leid (klar – dass ist auch das, was uns existenziell angreift) … aber GOTT leidet MIT! Und er trägt mit …
      Und dass ist -trotz aller Fragen, aller Schmerzen – gut zu wissen!

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